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Nachhaltigkeit und Journalismus - Wie geht das zusammen?

(Auszüge aus der Rede von Katrin Kleeberg zum Festempfang 10 Jahre Hintergrund Magazin Sachsen / Sept. 2013)

Unser Konzept von Mediengestaltung und unsere Auffassung von journalistischer Verantwortung ist ein Konzept, dass in der heutigen Zeit, in der Nachrichten  Massenware sind und Schlagzeilen ihrem Namen alle Ehre machen und den Konsumenten - und leider oft auch dessen Urteilsvermögen - wahrhaft erschlagen, nicht einfach umzusetzen ist.

"Von Chemnitz aus kann man ein solches Magazin nicht herausbringen", gaben uns Kollegen vor 10 Jahren aufmunternd mit auf den Weg. Warum eigentlich nicht? Weil Chemnitz nicht die Medienhauptstadt Leipzig ist? Weil man in Chemnitz zu weit weg ist, vom Puls der Zeit, von den Entscheidungen, die in der Landeshauptstadt Dresden gefällt werden? Weil in Chemnitz der befruchtende Erfahrungsaustausch mit den überregionalen Medienkollegen fehlt?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, muss man ein klein wenig tiefer eintauchen, in den journalistischen Alltag, der - das sei zur Ehrenrettung aller Kollegen gesagt - in der Tat mehr ist, als um 10:00 Uhr aufzustehen und den Tag kaffeetrinkend in Redaktionssitzungen zu verbringen. Journalistischer Alltag ist so unterschiedlich und vielfältig, wie die Medienlandschaft selbst. Und er ist - trotz aller Pressefreiheit - in den allermeisten Fällen fremdbestimmt: Von Quote, Auflagenzahlen, Anzeigenkunden, Verlagshauspolitik. Und so ist es vielleicht manchmal ganz gut, wenn man nicht so mittendrin ist, wenn man sich nicht vom Geheul des Rudels anstecken lässt ...  wenn man seinen eigenen Weg geht. Auch von Chemnitz aus.

Dass es uns als Hintergrund Magazin Sachsen trotz aller Unkenrufe gelungen ist, uns mit unserer Gesprächsreihe und unserem Magazin in der sächsischen Medienlandschaft nicht nur zu behaupten, sondern eine eigene Nische zu besetzen, liegt sicher mit daran, dass wir unser eigener Verlag sind - die Politik in unserem Hause also selbst bestimmen. Es liegt aber wohl in erster Linie daran, dass wir uns und unserer Herangehensweise an Themen treu geblieben sind.

Und diese Herangehensweise trägt einen Namen: Nachhaltigkeit.

Und das meine ich ganz im Sinne von Carl von Carlowitz, der diesen Begriff vor 300 Jahren hier in Sachsen prägte. Ich bin überzeugt davon, dass journalistische Arbeit durchaus nachhaltig sein kann - und zwar nicht, weil wie die Praxis all zu oft zeigt, es mit einigen wenigen Schlagzeilen gelingt, wirtschaftliche, politische und persönliche Existenzen auf lange Dauer zu zerstören. Ein Ergebnis journalistischer Arbeit, dass im übrigen nichts Neues ist: Schon Kaiser Willhelm der II. stellte erboßt fest, dass der Berliner Telegraph die - ich zitiere - "Frechheit und Unflätigkeit" hatte, seiner Mutter die abscheulichsten Sachen nachzusagen. Seine Reaktion darauf: Zitat -  "Ich habe Plessen und Löwenfeld mit Revolver und Degen auf das Redaktionsbüro geschickt und den Redakteur zum Widerruf gezwungen." Und auch Napoleon hatte seine liebe Not mit den Medien. Er stellte resignierend fest: Zitat -  "Vier feindselige Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette.“ Ob er das vor oder nach der Völkerschlacht zu Leipzig gesagt hat, ist leider nicht überliefert....

Journalistische Arbeit ist meiner Auffassung nach dann nachhaltig, wenn - um einmal bei der schreibenden Zunft zu bleiben - Artikel aufbewahrt werden, weil man sie für die eigene Arbeit interessant findet. Wenn Zeitungen so inhaltsreich sind, dass sie als Zeitzeugen archiviert werden. Wenn ein Magazin immer einmal wieder hervorgeholt wird, um Entwicklungen innerhalb eines bestimmten Themas nachzuvollziehen. Kurz: Wenn Inhalte dem Leser in Erinnerung bleiben.

Das erreicht man, indem Themen von ganz unterschiedlichen Seiten betrachtet, Hintergründe und Zusammenhänge erläutert und der Leser mit den entsprechenden Überschriften - nicht mit Schlagzeilen - mit auf diese Themenreise genommen wird ... und das über mehrere Ausgaben hinweg. Das können dann - wie in unserem Fall - schnell auch mal ein paar Jahre werden.

"Macht ihr denn das immer noch?" - wurden wir gefragt, als wir unser drittes Sonderheft zum Thema Hochwasserschutz in Sachsen herausbrachten und zur damals 5. Veranstaltung zu diesem Thema einluden. Das war im Sommer 2009 - 7 Jahre nach der ersten Jahrhundertflut... Ja, wir machen das immer noch und immer wieder!

Das gilt auch für andere Themen, die bei uns eben nicht nur kurzlebige Schlagzeilen sind: Energiepolitik und Energiewirtschaft in ihrer vielfältigen Bandbreite zum Beispiel. Oder Auto-Mobilität. Oder das Thema des Fachkräftebedarfs in Handwerk und Wirtschaft im Freistaat. Oder auch die Vermittlung politischer Entscheidungen, politischer Visionen für unser Sachsen.

"Wir bleiben für Sie am Thema dran" - ist ein geflügeltes Wort in der Medienbranche, wenn man seine Leser oder Zuschauer/Zuhörer bei der Stange halten will. Im Klartext heißt es: Wir fragen nach, bis wir die Antwort haben, die wir hören wollen. Wir graben nach, bis wir etwas gefunden haben, was zur Schlagzeile taugt.  

Auch wir bleiben für unsere Leser an den Themen dran, stellen Fragen und suchen nach Antworten. Aber wir haben die Antworten nicht schon im Hinterkopf. Wir sind offen für die Antworten, die wir auf unsere Fragen bekommen. Auch, wenn sie von Politikern kommen...

Wir müssen nicht danach schauen, welchen Tenor die Berichterstattung über ein Thema in den anderen Medien  hat und uns dann danach richten. Als ich vor Jahren noch angestellte Journalistin war und über die damals in Planung befindliche Ansiedlung der Automobilmanufaktur in Dresden schreib, bekam ich von meinem damaligen Chefredakteur den netten Hinweis, die Konkurrenz habe die Meldung mit einem ganz anderen Fakt aufgemacht - da könne es nicht sein, dass wir ganz anders berichten. Nebenbei sei gesagt, dass ich schon damals eher den Hang zu positiven Schlagzeile hatte... Mein Argument, er solle doch froh sein, dass wir Informationen haben, die der Konkurrenz nicht vorliegen und deshalb in unserer Berichtserstattung schon viel aktueller sein können, wischte er mit einem "schreib die Meldung einfach um" vom Tisch.  - Wenig später machte ich mich dann selbständig.

Nachhaltiger Journalismus ist nach unserer Auffassung, wenn man nicht der Ersten sein muss, der berichtet. Wenn man nicht den Skandal braucht, um ein Thema ins Blatt heben zu können. Wenn man sich nicht den Anschein geben muss, die eigene Meinung nicht mit in die Artikel einfließen zu lassen.

Und ein Blick in den 1973 vom Deutschen Presserat  verabschiedeten Pressecodex  - der in 16 Punkten die Grundzüge journalistischer Arbeit festlegt - zeigt, dass diese Auffassung von journalistischer Arbeit eigentlich Alltag in allen Redaktionen sein müsste: Denn dort kann man Sätze lesen wie: "Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse." "Bei der Recherche dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden." "Die Presse achtet das Privatleben, die Intimsphäre sowie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Menschen." "Menschen sind nicht mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild in ihrer Ehre zu verletzen." "Auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid ist zu verzichten...."  -  um nur einige zu nennen. Ich überlassen ihnen, meine Damen und Herren, den Praxistest.

Um mit ihren Themen in die Medien zu kommen, müssen sie die zu transportierenden Nachrichten skandalisierten - diesen Rat gab uns und unseren Gästen unserer Gründungsveranstaltung vor 10 Jahren der Kommunikationsprofi Prof. Dr. Klaus Kocks mit auf den Weg. Gut, damals gab es das Hintergrund Magazin Sachsen noch nicht, sonst hätte er wohl angefügt: "... außer, sie gehen mit ihrer Meldung zum HMS." Spaß beiseite: Ich denke, wir haben hinlänglich bewiesen: Es geht auch ohne Skandalmeldungen! Es ist nur ein klein wenig mühsamer.

Und vielleicht hilft es, wenn man sich auch als Journalist hin und wieder auf die wahren Werte, auf das tatsächlich Wichtige im Leben besinnt wie Achtung vor der Würde anderer Menschen und Achtung vor der Schöpfung. Wenn man ein klein wenig positiver durchs Leben geht und von seinem eigenen positivem Gedankengut, ein kleines Stück an seine Leser abgibt: Durch positive Schlagzeilen. Wenn man ein klein wenig Zutrauen in die Lenker von Politik und Wirtschaft verbreitet, indem nicht  immer gleich jede Idee niedergeschrieben wird, noch bevor sie auch nur die geringste Chance auf Umsetzung hatte. Wenn man nicht auf jeden Nachrichtenzug mit aufspringt. Ein paar Haltestellen zu Fuß zu gehen und sich von den Schönheiten am Wegesrand aufhalten zu lassen, heißt nicht, dass man den Zug der Zeit verpasst.

Der amerikanische Medienkritiker Neil Postmann sagte einmal: „Was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt.“ Wir wünschen Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass Sie dagegen mit dem entsprechend widerstandsfähigem Flutschutz ausgestattet sind. Wenn wir mit unserer Arbeit ein klein wenig dazu beitragen können, kleine Ankerplätze in der Flut der Nachrichten zu setzen, haben wir viel erreicht.

Wir danken allen, die uns in den vergangenen 10 Jahren auf unserem Weg begleitet haben: Unseren Leserinnen und Lesern, unseren Veranstaltungsgästen, unseren Gesprächspartnern, unseren Anzeigenkunden und Sponsoren, unseren Gastautoren, Fotografen und Druckpartnern sowie den Pressesprechern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Nur so konnte es uns gelingen, sächsische Politik nicht losgelöst aber ein Stück weggerückt von der tagesaktuellen Schlagzeile zu vermitteln.

Und genau diese Herangehensweise: Die Schlagzeile im Auge zu behalten aber sich von ihr nicht den Blick auf das Wesentliche - und vor allem nicht auf das Positive - verbauen zu lassen, das wird auch in Zukunft unsere Arbeit bestimmen.  

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